Was bedeutet es, Künstler zu sein?

Das Autorenwort spricht heute: Fred Guggenberger


Vorab: Ich habe keine Ahnung, warum ich gerade jetzt so etwas schreibe. Irgendwie ist es da und will raus. Klingt das seltsam für Sie? Nach einem Kerl, dem langweilig ist und der zu faul ist, um aufzustehen, sich ein Bier zu holen und den Abend vor der Glotze zu verbringen? Oder irgendeinem schrägen Vertreter der Gattung Mann, der ein unglaubliches Mitteilungsbedürfnis hat und jetzt auch noch Ihre Zeit mit seinen Überlegungen verschwendet? 

Foto: www.fred-guggenberger.com
Foto: www.fred-guggenberger.com

Vielleicht ist es so, aber wenn man bedenkt, dass es genau jene Momente sind, die vielen Schöpfungsakten vorausgegangen sind, also unzähligen Büchern, Musikstücken, Gemälden, Drehbüchern … wäre dies eine gute Rechtfertigung, Eigenschaften wie Faulheit und Langeweile zu kultivieren, finden Sie nicht? Vielleicht hat Da Vinci die Mona Lisa ja nur deswegen gemalen, weil seine Pokerrunde an dem Abend ausfiel. Vielleicht hat Gott das Universum nur deswegen erschaffen, weil es ihn entsetzlich gelangweilt hat, sich den ganzen Tag lang von nichts als seiner eigenen Glorie umgeben zu wissen. Und er griff zu Stift und Pinsel …


Tatsächlich ist jegliche künstlerische Tätigkeit ein Schöpfungsakt. Wir nehmen uns ein leeres Blatt Papier und füllen es mit Worten. Wir schnappen uns einen Stein, Hammer und Meißel. Am Schluß haben wir im besten Fall die Göttliche Komödie erschaffen (wenn wir Dante heißen), eine Oper, einen Bluessong oder eine Statue, bei der sich kommende Generation fragen werden, warum sie ein so hübsches Gesicht, aber keine Arme hat. Vielleicht hat der Künstler in dem Moment beschlossen, doch lieber „Tatort“ anzuschauen …


Ein Teil unserer Gesellschaft ist der Meinung, Künstler wären Menschen, die eine Schraube locker haben. Entsprechend haben sie schließlich jeden, der eine Schraube locker hatte, als Künstler gefeiert. Wahrlich eine Glanzstunde unserer Kultur. Aber wie ist es denn wirklich? Würden Sie ein junges Mädchen als „normal“ betrachten, die ganz aufgeregt ans Klavier stürzt, weil sie aus dem Fenster geschaut und dort eine Wolkenformation erblickt hat, die etwas in ihr ausgelöst hat? Vermutlich würden Sie das Mädchen für verrückt erklären. Im besten Fall schräg. Wie wäre es aber, wenn das Mädchen zu den Menschen gehört, die Sie dazu bringen, 100 Euro auszugeben und sich durch den hässlichen Stadtverkehr in München zu quälen, um sie live auf der Bühne zu erleben? Wenn Sie Ihr Lieblingslied mit den Worten „Ich habe diesen Song geschrieben, weil mich eine Wolkenformation berührt hat“ ankündigen würde? Oh, Sie würden auf die Knie fallen vor dieser wundervollen Künstlerin, der es scheinbar so mühelos gelingt, den allgegenwärtigen Zauber, der uns alle umgibt, so gekonnt in Musik umzusetzen. Man verzeihe mir den zynischen Unterton (Haben Sie ihn bemerkt?).


Künstler sind Menschen wie Sie und ich. Der Punkt ist, die einen wissen es, die anderen nicht. Sind Sie schon mal vor dem Speiseregal gestanden, um dann einfach ein paar Sachen auszuwählen, aus denen Sie irgendetwas gemacht haben, dass es vorher noch nicht gab? Hat es geschmeckt? Ich hoffe doch! Herzlichen Glückwunsch: Sie sind Künstler/in! Sie haben aus dem Nichts etwas erschaffen. Genauer genommen aus dem Inhalt des Speiseregals, aber … sind nicht Speiseregale auch nur eine schrecklich öde Manifestation des endlosen Nichts? Des Nirvanas, vor dem sogar Buddha Angst gehabt hätte, wenn man ihn nur darauf hingewiesen hätte, wie schrecklich es ist? Zum Glück für unzählige Menschen wusste er es nicht und so hat er dort vermutlich bis heute Spaß und zockt Da Vinci und Hesse jeden Abend beim Poker ab. Vermutlich hatte Goethe auch nur das unverschämte Glück, dass ihm niemand begegnet ist, der ihm davon abriet, etwas so unanständiges wie Kunst zu machen. Was wäre aus Wagner geworden, wenn er das Geld für den Besuch beim König stattdessen in einen Bausparvertrag eingezahlt hätte? 

Die Wahrheit ist, dass Künstler Menschen sind, die noch in der Lage sind, das Unerklärliche im Profanen zu entdecken. Und weil wir es nicht können, malen sie anschließend ein Bild davon, damit wir wissen, wie es aussieht. Oder wie es sich anfühlt. Sie laufen durch die Welt und zeigen uns, was wir oft nicht mehr sehen können. Sie sind der Teil unserer Augen, Ohren und Gedanken, den wir nicht mehr finden oder nicht wahrhaben wollen und dies aus gutem Grund: Wir könnten ja sonst selbst Künstler sein und was würden dann die Nachbarn sagen? Vielleicht möchten Sie ein Buch schreiben, aber solange Ihnen niemand garantiert, dass es sich besser verkaufen wird als die Bibel, sehen Sie keinen Sinn darin, es zu schreiben. Vielleicht wäre es Ihnen aber auch egal. Vielleicht würden Sie es tun. Vielleicht würden Sie entdecken, wie wundervoll es sich anfühlt, wenn all diese Dinge aus ihrem Innersten nach Außen strömen und dort Gestalt annehmen. Wenn Sie jeden Tag damit verbringen, noch besser darin zu werden. Weniger Angst zu haben und zu erfahren, wie wundervoll es ist, wenn Sie Ihr Buch zum fünften Mal überarbeiten und es wieder ein Stück besser wird ... 


Nein, das war gelogen, es ist ätzend. Spätestens beim sechsten Mal werden Sie jeden, der sie fragt, wann Ihr Buch endlich kommt, mit der Schreibfeder erstechen. Also hören Sie beim fünften Mal auf und freuen Sie sich. Sie befinden sich auf dem Weg des Künstlers und das bedeutet, dass Sie fleißig, kreativ, inspiriert, charmant, unwiderstehlich und unglaublich anziehend sein werden, wenn Sie es nur zulassen. Und Sie werden jeden Tag ein besserer Mensch werden. Und weise … weil Sie dann begriffen haben, dass es höchst ungerecht wäre, jemanden mit der Schreibfeder ins Nirvana zu schicken, wenn Sie nicht dort sein dürfen. 


Ihr höchst unwiderstehlicher, charmanter, inspirierter:


Fred Guggenberger

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